Am Dienstag, den 16.7.24 fuhren wir morgens auf Sankt Petersburg zu und fragten uns, wie wir die Fahrräder wieder von der Gepäckablage ausbauen sollten. Im Bahnhof angekommen ging es aber dann ziemlich schnell und der Zug hielt eine Weile dort im Bahnhof, sodass wir ganz entspannt alles raustragen konnten.

Wieder bauten wir unsere Fahrräder zusammen und fuhren erstmal zu einem Café am Bahnhof, wo wir frühstückten und mit dem Wifi überlegen konnten, was wir nun mit dem Tag und den restlichen 3 Tagen Russlandvisum anstellen wollten. Wir entschieden uns, dass uns dieser restliche Tag in Sankt Petersburg reicht und wollten zuerst beim Regionalbahnhof nachfragen, ob heute noch ein Zug zur Grenze nach Estland fahre. Dort bestätigte man uns, dass jeden Abend um 18:40 Uhr ein Zug bis nach Ivangorod, direkt an der russisch-estnischen Grenze fahre. Also buchten wir zwei Tickets und zwei Fahrradtickets für den Zug heute. Dann radelten wir noch etwas in die Stadt und schauten uns die Ermitage aus der Ferne an.


In der Gegend dort waren uns zu viele Menschen unterwegs, weshalb wir wieder aus dem Zentrum raus radelten und uns ein Café suchten, wo wir Tort Napoleon und Kaffee genossen. Dann kauften wir noch die letzten russischen Snacks und fuhren wieder zum Bahnhof, wo wir ganz einfach mit den Fahrrädern einsteigen konnten.
Der Zug war am Anfang noch ziemlich voll, wurde aber innerhalb der drei Stunden Fahrt immer leerer, bis kurz vor 22 Uhr am Endbahnhof nur noch etwa 20 Menschen ausstiegen. 16 davon wohnten wohl in Ivangorod. Zwei Damen und wir beide wollten nach Estland. Die zwei Damen wurden den einen Kilometer bis zur Grenze von Grenzbeamten gefahren, wir durften den Weg radeln. Und dann waren wir an der Grenze, die man nur zu Fuß überqueren darf. Am Eingang schoben wir mal wieder all unsere Taschen durch einen Scanner und schoben dann die Fahrräder weiter zur Passkontrolle. Karin wurde etwas auf russisch gefragt, aber Karin antwortete, dass sie kein russisch spreche. Die Grenzbeamte überlegte kurz, drückte aber dann einfach den Stempel in den Pass. Simons Grenzbeamte erkannte ihn auf seinem Passbild nicht, vor über einem Jahr waren Simons Haare kürzer, er hatte eine Brille auf und der Bart war vielleicht etwas dunkler. Simon kramte seine Brille raus, dann war auch das okay und er durfte ausreisen. Dann liefen wir über die Brücke nach Estland und passierten viele viele Menschen, die darauf warteten, nach Russland einzureisen. Auf der estnischen Seite war die Kontrolle elektronisch: Wir legten unsere Pässe auf den Scanner, ließen ein Foto von uns machen und schon ging die Schranke auf. Ein Kontrolleur fragte uns in gutem Englisch, ob wir Tabak oder Alkohol dabei hätten, aber als wir verneinten, hieß er uns herzlich willkommen.

Und da waren wir wirklich wieder in Europa und der EU! Karin machte Luftsprünge, Simon war auch begeistert! Nach ungefähr einem Jahr freuten wir uns wieder auf/über die europäischen Vorzüge.
Also setzten wir uns wieder aufs Rad und fuhren durch Narva, die estnische Grenzstadt. Wir fuhren an einem LIDL vorbei, der aber seit 22 Uhr geschlossen hatte und an eine Tankstelle. Wir hatten unsere Benzinflasche vor der Zugfahrt leergemacht. Da man an dieser Tankstelle mindestens fünf Liter tanken musste, fragten wir einen Autofahrer, ob er uns unsere Benzinflasche volltanken würde. Er antwortete in gutem Englisch, dass er das gerne mache und auch kein Geld dafür nehme, weil er wich freute, uns auf unserer langen Reise etwas unterstützen zu können. Dann fuhren wir auf einem Radweg (!) aus der Stadt raus, an der Straße entlang durch das nächtliche Estland und fuhren ganz beflügelt voran. Es war schön kühl, es war nichts los und wir konnten richtig schön fahren, das machte uns richtig glücklich. Wir hatten einen Vorschlag für einen Zeltplatz gesehen und fuhren also auf eine kleinere Straße, um einen Platz in der Natur zu finden. Leider war Sumpfgebiet um uns herum und es wimmelte von Stechmücken. Aber wir fanden einen Platz im Wald fürs Zelt, bauten schnell auf und verkrochen uns im Zelt und ließen die Mücken draußen. Dann hieß es: Schlafen. In der EU!

Ausgeschlafen ging es am Morgen des 17.7. weg von den Mücken, vorbei an Bremsen durch schönsten Wald auf kleineren und größeren Straßen. In einer Kleinstadt frühstückten wir im Park und schauten uns das estnische Leben an. Im Supermarkt konnten wir mit Euros bezahlen. Wir hatten ja welche einmal um den Kontinent getragen, die konnten wir jetzt endlich ausgeben… Weiter fuhren wir auf dem Fahrradwed, sogar dem Eurovelo 10, auch das war ein neues Gefühl für uns. Aber das heißt nicht, dass das Navigieren jetzt nur noch einfach ist, denn wie auch im Süden Europas stehen nicht immer Schilder am Radweg, wenn man abbiegen soll oder man verirrt sich in Dörfern oder der extra Radweg hört einfach auf und man muss auf der Straße mit den Autos fahren…


Nach einigen Kilometern auf der wenig befahrenen Straße führte uns der Radweg über Feldwege rechts der großen Straße, durch Getreide- und Erbsenfelder und dann war da plötzlich vor uns die Ostsee!

An der fuhren wir noch eine Weile entlang, auch etwas durch Regen. Wir unterhielten uns kurz mit einer Familie aus Osnabrück, die hier öfter in den Urlaub herkommt und wir sahen tatsächlich noch einige andere deutsche Autos und Camper auf der Strecke. Wir steuerten eine Campingplatz an, der zu einem Hotel mit Minigolfanlage gehörte, aber der war uns dann doch zu teuer, und wir entschieden uns, trotz Regen weiterzufahren und uns einen wilden Zeltplatz an der Küste zu suchen. Nach einigen weiteren Kilometern folgten wir einem Feldweg, wo wir von Bremsen umschwirrt wurden, bis zur Klippe. Dort mussten erstmal alle Bremsen, die uns bis hierher gefolgt waren, sterben, dann bauten wir unser Zelt zwischen Wiese und Bäumen auf. Wir hatten alles im Zelt verstaut, da regnete es schon wieder. Später kochten wir noch Abendessen und gingen schlafen.
Am Morgen des 18.7. war unser Zelt noch nass und leider lief auch ein bisschen Wasser an einer Naht ins Zelt, worum wir uns bald mal kümmern sollten. Es liefen auch ein paar Schnecken auf dem Zelt und den Fahrrädern rum.

Wir entfernten alle Tierchen und fuhren erstmal los, um einen Platz für ein gemütlicheres Frühstück zu suchen. Nicht weit davon war ein Platz, wo man zu einem Wasserfall und einem Wanderweg gehen konnte.

Dort breiteten wir uns und unsere nassen Sachen auf den Bänken aus und frühstückten. Es kamen immer mehr Menschen vorbei, auch einige Deutsche. Dann radelten wir weiter am Meer entlang, hin und wieder sahen wir einzelne Häuser und Höfe. Vorbei an Getreidefeldern und Wäldern, über kleinere und größere Straßen, wo uns der Eurovelo halt so hinführte. Wir machten in Aseri Mittagspause, einem kleinen Dorf mit Supermarkt und Bushaltestelle. Aufsatzrasenmäher sind hier der Hit, wir sahen einen Mann, der mit so einem zum Supermarkt fuhr, sich eine Flasche Wein kaufte, und wieder weg fuhr. Die Friseurinnen, die gerade Mittagspause hatten, fragten ihn belustigt, wo denn sein Anschnallgurt sei.

Am Abend haben wir uns bei einem warmshowers-Gastgeber eingeladen. Dies war ein kleiner Bauernhof, deren Besitzer beide Lehrer*innen sind und den Hof auch nutzen, um den Schüler*innen die Natur näherzubringen. Wir durften sogar in einem fest installierten Zelt übernachten, in dem wir tanzen konnten! Sie luden uns auch noch zum Abendessen ein, denn sie hatten Kohlrouladen und Kartoffeln auch für uns gekocht. Das war richtig lecker und es gab auch noch Kuchen zum Nachtisch, ein Traum! Da Keido und Margit erst seit kurzem bei warmshowers sind, haben sie noch keine richtige Dusche für Gäste, aber wir durften mit einem mit warmem Wasser gefüllten Wassersack im Wald duschen. Das war wegen der Bremsen und Mücken nicht ganz so einfach, aber es war doch schön, nach der Zugfahrt und den Radeltagen mal wieder geduscht zu sein. Frisch geduscht gingen wir noch den Gemüsegarten und die Naturrunde anschauen und dann war es auch schon spät, obwohl es noch nicht dunkel war und wir legten uns im hellen Zelt schlafen. Hier geht die Sonne gerade um 22 Uhr unter und um 4:30 Uhr wieder auf.

Woran merken wir, dass wir wieder in Europa sind?
Man darf das Klopapier in die Toilette werfen!
Die Lebensmittelpreise sind höher als in den Ländern, die wir zuvor besucht hatten.
Wir können mit Euro bezahlen.
Es gibt deutsche Produkte im Supermarkt zu kaufen
Es gibt vor allem Market-Supermärkte und wenig Tante-Emma-Läden
Es ist so sauber, die Straßengräben liegen nicht voller Müll. Es gibt Flaschenpfand.
Die Menschen sind distanzierter (als Inder, was nicht schwer ist, und uns wurde gesagt, dass die Esten ziemlich distanziert sind), aber trotzdem sehr nett
Wir treffen viele Leute (Radfahrer*innen), die kürzere Touren machen…


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